Leseprobe – Bastard


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Die Eifersucht lässt dem Verstand niemals genügend Freiheit, um die Dinge zu sehen, wie sie sind!

 Miguel de Cervantes

 

Kurz nach Mitternacht lag Luke im Bett und starrte an die Zimmerdecke. Durch den halb zugezogenen Vorhang drang das silberne Mondlicht ins Schlafzimmer und warf Schatten an die Wände. In klaren Nächten wie diesen schimmerten die fernen Lichter der City am Horizont. Für gewöhnlich spendete ihm der sanfte Schein Trost, wenn er nicht einschlafen konnte und vor sich hin grübelte. Heute war das anders. Er lag alleine in dem großen Bett. Der Platz an seiner Seite war verwaist. Der Platz, den Seth seit mehr als sechs Jahren mit ihm teilte.
Gemeinsam mit seiner großen Liebe wohnte Luke in einer vorteilhaft gelegenen Eigentumswohnung am Rand von Birmingham. Die Wohnung war ihr Rückzugsort vor dem Trubel der Großstadt. Nur leider teilten sie in den vergangenen Monaten ihr privates Idyll kaum noch miteinander.
Nach dem Ende von Lukes Literaturstudiums in Oxford hatte seine Zukunft herausragend begonnen. Seine Liebe zum Rugby hatte er bereits als Jugendlicher ausgelebt und während der Zeit an der Universität voll entfalten können. Zuerst war er zum Leader des berüchtigten Collegeteams der Rugby Union aufgestiegen. Mit gerade einmal siebenundzwanzig war er schließlich Teamkapitän der weltbekannten und gefürchteten Nationalmannschaft von Großbritannien. Eine steile Bilderbuchkarriere. Und an seiner Seite war stets Seth.
Gegenseitiges Vertrauen war von Anfang an ein zentraler Eckpfeiler ihrer Beziehung, obwohl beide aufgrund ihrer beruflichen Laufbahnen oft getrennte Wege gingen. Seth arbeitete als Assistenzarzt in der Unfallchirurgie. Für Luke stand tägliches Training an oberster Stelle. Deshalb kam er meistens spät abends nach Hause, wenn Seth längst schlief. Ihre gemeinsame Zeit war daher zu einem kostenbaren Gut geworden.
Bald begann die neue Spielsaison und Luke wäre wieder wochenlang mit den Jungs rund um den Globus unterwegs. Umso mehr wünschte er sich in den ihnen verbliebenen Wochen mehr Abende zu zweit. Seth war ein ausgezeichneter Hobbykoch und für spontane Überraschungen bekannt. Beim letzten Mal hatte er ihn übers Wochenende ans Meer eingeladen. Doch das lag schon einige Monate zurück.
Seufzend drehte sich Luke auf die Seite und schwelgte in den Erinnerungen an diese romantischen Tage. Bei strahlendem Sonnenschein waren sie am Strand entlang flaniert. Da Luke seine Liebe zu Männern in der Öffentlichkeit jedoch kaum ausleben konnte und es in der Mannschaft nur ein offenes Geheimnis war, waren die Stunden alleine mit Seth umso romantischer gewesen. Trotz allem waren sie ein sehr harmonisches Paar, doch der Vorfall des gestrigen Abends ging ihm nicht aus dem Kopf.
Widerwillig schielte er zum Digitalwecker. Seth war, wie die letzten sieben Nächte mehr als zwei Stunden überfällig. Lukes Herz schlug unweigerlich schneller. Doch es war der Gedanke an vergangene Nacht, die ihm plötzlich wieder die Angst in die Glieder trieb. Die nervenaufreibende Furcht Seth könnte ihn betrügen. Sein Freund hatte sich erst kurz vor vier Uhr in der Früh heimlich ins Schlafzimmer geschlichen. In der Annahme Luke würde schlafen, war er leise ins Bett geschlüpft und eingeschlafen. Er dagegen war das Gefühl nicht losgeworden, zum ersten Mal den Geruch eines anderen Mannes an ihm wahrzunehmen. Stundenlang hatte er darüber gegrübelt, ihn zur Rede zu stellen, bis er sich selbst erfolgreich eingeredet hatte, nur auf ein Hirngespinst eifersüchtig zu sein. Seths Arbeit brachte von Anfang an viele Opfer mit sich, vor allem wenn Notfälle eintrafen und Operationen nicht zu verhindern waren.
Aber warum sollte Seth fremdgehen? Sein Freund gestand ihm bei jeder Gelegenheit mit strahlenden Augen seine Liebe und trug ihn mit hingebungsvoller Leidenschaft regelrecht in den Himmel. Seth war nicht der Typ, der sich …
Beim Öffnen der Haustür wurden Lukes Gedanken jäh unterbrochen. Er hörte Seth durch die Wohnung laufen, bis er wenige Minuten später ins Schlafzimmer schlich. Luke stellte sich schlafend. Kurz darauf spürte er Seths Gewicht neben sich, warme Finger wanderten unter sein T-Shirt und streichelten ihm zärtlich über den Rücken. Dabei hauchte er ihm verführerische Küsse in den Nacken.
»Bist du wach?«, flüsterte er ihm ins Ohr.
Für einen Moment erwog Luke, nicht zu antworten. Als er jedoch Seths unwiderstehlichen Duft von Zedern- und Sandelholz mit einer aphrodisierenden Kardamomnote gewahr wurde, fiel ihm eine schwere Last von den Schultern. Er roch nicht nach einem anderen Mann. Alle albtraumhaften Phantasien verpufften und Lukes Puls beschleunigte sich. Lächelnd drehte er den Kopf in Seths Richtung, obgleich sein Freund im Halbdunkeln lediglich eine Silhouette war.
»Ohne dich kann ich nicht einschlafen. Das weißt du doch.«
»Das tut mir leid.« Seths Hand kraulte ihm durchs Haar. »Wir bekamen noch zwei Notfälle.«
»Schon gut. Jetzt bist du ja da.«
»Aber ich hätte anrufen können.«
»Hättest du …«, antwortete Luke besänftigend. Er drehte sich auf den Rücken und zog seinen Freund näher zu sich heran. Während Seths Finger der einen Hand unter dem dünnen T-Shirtstoff vorwitzig seine Brustwarzen massierten, wanderte die andere langsam zum Bauchnabel. Seufzend senkte Luke die Lider und verschloss ihre Lippen mit einem heißblütigen Kuss. Ein heißer Schauder erfasste seinen Körper und mit einem Mal war alles um ihn herum vergessen. Für Luke zählte nur noch Seth.
Mit wachsender Hingabe versank er immer tiefer in die vertrauten und gefühlvollen Berührungen seines Freundes. Seth wusste genau, wie er ihn mit seinen äußerst geschickten Fingern und den betörenden Verführungskünsten zum Schmelzen bringen konnte. Von Herzschlag zu Herzschlag geriet Lukes Blut stärker in Wallung.
»Ich … ich liebe … dich«, sagte Seth, als sie kurze Zeit später eng aneinander gekuschelt im Bett lagen und die letzten Wellen ihrer ungezügelten Lust verebbten. »Ohne dich wäre mein Leben trostlos.«
»Ich liebe dich auch.« Luke bettete den Kopf an die Halsbeuge seines Freundes.
»Vielleicht sollte ich nachfragen, ob ich nicht ab nächsten Monat die Frühschicht übernehmen kann. Dann könnte ich öfter beim Training vorbeischauen und wir hätten mehr Zeit füreinander.«
»Du hast erst vor sechs Wochen die Leitung der Spätschicht übernommen. Jetzt Urlaub nehmen, käme nicht gut an. Und wegen mir schon mal gar nicht.«
»Warum nicht?«
Luke schwieg. Er ärgerte sich über sich selbst. Vor einer Stunde hatte ihm die Eifersucht auf ein Phantom den Schlaf geraubt. Jetzt kam ihm das wie ein lächerlicher Anflug von Panik vor. Seth und er gehörten zusammen und er hatte ihm soeben bewiesen, dass es genauso war.
»Ich schaufle mir vor den Rückspielen in dieser Saison eine Woche frei. Dann können wir endlich die Einladung deiner Eltern annehmen und die Zeit in ihrem Sommercottage verbringen.«
»Und was ist mit Pete?«
»Der kann Michael für ein Spiel einsetzen. Wenn ich krank wäre, müsste er auch den Ersatzkapitän aufstellen.«
»Klasse. Und ich frage morgen, ob ich ein paar Tage Urlaub bekomme.«
Luke küsste Seth auf die Brust und zog die Bettdecke hoch. Mit diesem glücklichen Gedanken rückte er näher an seinen Freund heran.
»Schlaf gut, Honey«, flüsterte er ihm zu und vergrub das Gesicht in Lukes Haaren.

 

 

© Madison Clark

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