Leseprobe – Eine zweite Chance


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Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen.
Platon

Kapitel Eins
Daiven

 

Mit geübtem Auge spähte ich durch das Visier des Sturmgewehres und sah den Feind knapp dreihundert Meter vor mir durch das dichte Unterholz schleichen. Er näherte sich zügig.
»Nash an Daiven? Wo bist du?«, ertönte knisternd die Stimme per Funk in meinem Ohr.
Ich schwieg. Mir bot sich die einmalige Gelegenheit einen Supervisor, ohne große Gegenwehr auszuschalten und gefangen zu nehmen. Bislang war es uns lediglich gelungen, sie nur zu zerstören. Solch ein Glücksfall würde sich nicht mehr so schnell ergeben.
Wie ein Raubtier auf der Jagd beobachtete ich den Gegner durch das Zielfernrohr. Ein gezielter Schuss auf exakt die Stelle, die das kybernetische Gehirn mit dem Körper verband und der Roboter würde wie ein Stein zu Boden fallen. Das Vortreffliche daran war die Tatsache, dass er dadurch intakt bliebe, sich aber nicht mehr bewegen könnte. Gegen einen Supervisor war das neben seiner Zerstörung die einzige Überlebenschance, bevor er selbst gnadenlos und tödlich zuschlagen würde. Gelang es mir, ermöglichte ich es damit unseren Ingenieuren aus erster Hand prioritäre Informationen aus dem hervorragend konstruierten Computergehirn zu entnehmen.
»Verdammt Daiven, melde dich!«, vernahm ich Nashs Stimme erneut per Funk.
Ich biss mir auf die Unterlippe und ließ den Feind nicht aus den Augen. Er schritt wachsam in meine Richtung, wobei er geräuschlos jedem kleinsten Hindernis auswich. Kein Rebell war in der Lage sich so still und heimlich heranzuschleichen. Dafür bewunderte ich diese gewissenlosen Killer, die nur einem Zweck dienten: mich und meine Mitstreiter zu vernichten.
»Ich habe einen«, flüsterte ich ins Mikrophon, das sich nah an meinen Lippen befand.
»Einen was?«, ertönte Nashs Stimme für meinen Geschmack viel zu laut.
»Einen Surge. Ich muss nur abdrücken und dann können wir ihn einsammeln.«
»Du hast einen Surge?«
Ich konnte mir Nashs ungläubige Miene bildlich vorstellen. Ein Grinsen stahl sich auf mein Gesicht. Wir beide benutzten das Wort, das diese konstruierten Biester am besten beschrieb und gleichbedeutend für den Tod stand. Denn sie tosten ebenso wie riesige Monsterwellen gegen die Küsten und hinterließen nichts weiter als unerbittliche Zerstörung.
»Das Radar kann deinen Sender nicht erfassen. Wo genau befindest du dich?«, fragte Nash nach etlichen Sekunden des Schweigens.
Ich blickte flüchtig auf das Navigationsgerät am linken Handgelenk. Südwestlich meiner Position blinkte ein kleiner Punkt auf. Nash und sein Fluggleiter waren nicht allzu weit entfernt, wie ich erleichtert feststellte. Warum ich ihn sah, er mich jedoch nicht lokalisieren konnte, war ein Rätsel, dessen Lösung ich auf später verschieben musste. Konzentriert peilte ich den Surge weiterhin an.
»Tausendfünfhundert Meter nordöstlich der Lichtung«, flüsterte ich. Dort wartete Nash im Pyrobird auf die Truppe, die vor einer halben Stunde zur Erkundung der Umgebung ausgerückt war. Es war immer das gleiche Vorgehen. Ausrücken, die Gegend auskundschaften und sich unbemerkt zurückziehen. Wir befanden uns tief im Feindesland und mussten jederzeit bereit sein fliehen zu können. Das war der Grund, warum der Pilot sich nie weit vom Fluggleiter entfernte.
»Daiven, ich bin ganz in deiner Nähe und komme«, hörte ich die Stimme meines besten Freundes durch das Funkgerät und spürte sogleich Erleichterung Lio in meiner Nähe zu wissen. Wir kannten uns schon ein Leben lang, hatten gemeinsam die Schule besucht und die gleiche militärische Ausbildung absolviert. Seit sechs Jahren dienten wir nun in derselben Einheit. Die Dragons, wie wir genannt wurden, gehörte zu den besten Erkundungstruppen der Rebellen. Nash, unser Kommandant und zugleich der Pilot, hatte während eines Gefechtes noch nie einen seiner Jungs verloren. Darauf war er stolz und das konnte er auch sein. Vor allem wenn man bedachte, dass die Dragons mehr als einmal die Mission nur mit einem blauen Auge beenden konnten.
»Beeil dich! Der Surge ist gleich hier.«
»Oh verdammt! Er ist nicht alleine«, stellte Lio überrascht fest.
»Was?«, entfuhr es mir lauter als beabsichtigt und ich nahm ein Rascheln hinter mir wahr. Mein Puls schlug schneller. Ich drehte mich um und entdeckte meinen besten Freund, der soeben aus dem Gestrüpp auftauchte und neben mir in Deckung ging. Lio spähte durch sein Waffenvisier. Als er den Blick auf mich richtete, lächelte er geheimnisvoll und zeigte auf das Unterholz vor uns.
Dass sein Kommen mich kurzzeitig aus dem Konzept gebracht hatte, ärgerte mich. Ich musste mich besser konzentrieren. Neugierig wandte ich mich dem Supervisor zu und versuchte herauszufinden, was Lio gemeint haben könnte. Da sah ich es plötzlich. Der Surge wurde von fünf weiteren begleitet, deren Umrisse sich allmählich im Schatten der Bäume abzeichneten. Dazwischen stolperten Menschen durch das Buschwerk. Zehn an der Zahl und alle hatten sichtlich Schwierigkeiten sich durch das Dickicht zu kämpfen und mit dem Tempo der kybernetischen Soldaten Schritt zu halten.
Menschen flankiert von Supervisors war ein wirklich ungewöhnlicher Anblick. Die Bewohner von Elverston verließen die Schutzmauern ihrer Großstadt normalerweise nicht und schon gar nicht in Richtung Westen. Das taten nur die Surges oder gut ausgebildete Soldaten. Aber hier handelte es sich eindeutig um Zivilisten.
Die nähere Umgebung rund um die Stadt war unbewohntes, wildes Land. Elverston war der einzige bevölkerte Ort an der Ostküste der ehemaligen USA und beherbergte fast eine halbe Million Bürger. Dort tummelten sich Menschen aus allen Schichten, die den Krieg überlebt hatten. Zudem war es das Handelszentrum von ganz Nordamerika. Vor über hundert Jahren hieß die Metropole noch Boston. Heutzutage war sie die Zuflucht unserer Widersacher, welche sich hinter zwanzig Meter hohen Betonmauern und einem Kraftfeld verbarrikadierten, das für jeden unüberwindbar war, außer man kannte die geheimen Ausgänge. Nur eine kleine Berührung mit dem elektrisch generierten Feld und die Person wurde unwiderruflich mit fünfzig Millionen Volt zu einem Häufchen Asche verbrannt.
»Was machen die hier draußen?«, fragte ich flüsternd.
»Lass uns die Monster ausschalten und es herausfinden.« Lio schenkte mir wieder dieses mysteriöse Grinsen.
Ich lächelte ebenfalls. Würde es uns gelingen alle sechs mechanischen Monster auszuschalten, verschaffte uns das die einmalige Gelegenheit die Zivilisten gefangen zu nehmen und auszuhorchen. Das würde nicht nur Nash gefallen. Oberkommandant Callahan hätte dabei mehr gewonnen, als nur technische Informationen eines Supervisors zu erhalten. Derzeit stagnierte unser Vormarsch. Uns gelang es kaum Elverston näher als fünfzig Kilometer zu kommen. Ein unakzeptables Ergebnis, das wir seit Längerem erfolglos zu lösen versuchten.
»Macht schon ihr zwei, beeilt euch, sonst fliege ich ohne euch zurück.« Nash hatte unsere Unterhaltung über Funk mitangehört.
»Wir sind gleich da, Colonel!«, antwortete ich grinsend. Mir war klar, dass er uns nur hetzte, um Lio und mich zu ärgern. Daher beschloss ich, dass er es später bereuen würde. Besonders, da Nash und mich ein wohl gehütetes Geheimnis verband. Nicht einmal sein fünf Jahre jüngerer Bruder Lio wusste davon. Eilig verdrängte ich den Gedanken und spähte zu der Gruppe hinüber.
»Bewegt eure faulen Ärsche! Ich bekomme allmählich Hunger.«
»Du hast immer Hunger«, erwiderte Lio amüsiert und ging in Stellung, um besser zielen zu können. Von unseren Jungs verfügte er über das beste Sehvermögen und war dazu noch ein Meisterschütze. Er traf jedes Ziel beim ersten Schuss und dafür bewunderte ich ihn.
Ich folgte seinem Beispiel. Er deutete mir an, dass er die drei auf der rechten Seite übernehmen würde, während ich mich auf die links konzentrieren sollte. Wir mussten nicht miteinander reden, um zu wissen, dass unser Vorhaben mit einem großen Risiko verbunden war. Bisher hatten uns die Roboter zwar noch nicht mit ihren Sensoren erfasst, aber je näher sie kamen, desto größer war die Möglichkeit, dass sie uns entdeckten. Wir mussten einen direkten Kampf unbedingt vermeiden, denn sie waren uns nicht nur zahlenmäßig überlegen. Eine Niederlage würde nicht nur unseren sicheren Tod bedeuten, uns würden zudem die technischen und menschlichen Informationsquellen durch die Lappen gehen. Obendrein würden wir mit größter Wahrscheinlichkeit auch unser Leben lassen.
Vorsichtig legte ich mir das Maschinengewehr wie einen Liebhaber in den Arm. Mit dem Finger am Abzug zählte ich langsam bis drei und drückte ab. Binnen Sekunden trennte ich zwei Supervisors die Verbindungsschnittstelle zwischen Kopf und Körper und sie fielen wie Steine zu Boden. Lio traf den dritten noch vor mir und grinste mich triumphierend an. Seine drei Ziele regten sich ebenfalls nicht mehr. Im ersten Moment schienen die Menschen nicht mitbekommen zu haben, was um sie herum geschah, bis plötzlich jemand zu schreien anfing.
»Rebellen!«, ertönte angsterfüllt eine weibliche Stimme zu uns herüber.
Ohne auf Lio zu achten, stürmte ich los. Wie von einem Dämon gejagt, hastete ich über heruntergefallene schwere Baumäste, entwurzelte Stümpfe und durch dichtes Farngestrüpp in deren Richtung. Meine schwarze Uniform schützte mich dabei vor der wilden Vegetation.
»Nicht bewegen oder ich schieße!«, bellte ich lautstark und blieb mit mehreren Metern Abstand vor der Menschengruppe stehen.
Einige unter ihnen sondierten panisch die nähere Umgebung, während die anderen ungläubig zwischen den niedergestreckten Surges und mir hin und her starrten. Interessiert registrierte ich drei Frauen und sieben Männer. Betont langsam richtete ich den Lauf des Sturmgewehrs auf sie. Aber etwas schien nicht zu stimmen und ein merkwürdiges Bauchgefühl bestärkte meine Vermutung zunehmend. Sie wirkten nicht wie Bürger aus Elverston. Ihre Kleidung war abgetragen und schmutzig. Ihre Körper ungepflegt. Es kam mir vor, als hätten sie tagelang keinen Tropfen Wasser gesehen. Mehrere von ihnen trugen frische Verletzungen im Gesicht und an den Händen. Eine der Frauen konnte sich nur mithilfe eines älteren Mannes aufrecht halten. Wahrscheinlich hätte eine kleine Böe ausgereicht, um sie wie ein welkes Blatt im Wind umherzuwirbeln.
»Yeah! Sieht so aus, als wären die Biester jetzt teurer Schrott!« Jubelnd trat Lio neben mich. Er zielte auf die Menschen, während er mit einem ordentlichen Tritt gegen einen der Roboter prüfte, ob er sich tatsächlich nicht mehr bewegte. »Eins zu null für uns. Die Surges sind platt. Das gibt viele Extrarationen. Aber wer sind die?«
Ein junger Mann kam näher. Ich schätzte ihn in meinem Alter, also nicht älter als fünfundzwanzig Jahre. Unter dem ganzen Schmutz erkannte ich lediglich seine glänzenden jadegrünen Augen. Er hielt die Arme über den Kopf gestreckt und zeigte so, dass er unbewaffnet war.
»Keinen Schritt weiter!«, befahl ich ihm harsch. Obwohl offensichtlich keine Gefahr von ihnen ausging, blieb ich auf der Hut. Bewaffnet oder unbewaffnet. Wer immer sie waren, sie konnten nur aus Elverston stammen und waren somit unsere Feinde.
Der junge Mann lächelte gequält. Auf seiner Stirn klebte getrocknetes Blut, das jedoch offenbar nicht von ihm stammte. »Ihr müsst die Peilsender entfernen, bevor ihr sie mitnehmt. Passt aber auf, jeder ist seit Neustem mit einer Sprengfalle versehen.«
»Adam! Halt den Mund!«, rief eine männliche Stimme.
Nervös beobachtete ich einen älteren Mann, der sich ebenfalls näherte. Er war klein, dürr und besaß eine Halbglatze. Die Hände hatte er zu Fäusten geballt und strahlte eine gewisse Autorität aus.
»Verflucht George … es sind Rebellen. Sie können uns helfen.« Der Typ, der eben mit dem Namen Adam angesprochen wurde, wechselte mit dem Älteren einen angespannten Blick.
»Schweig!«, befahl dieser.
»Ich rede, mit wem und über was ich will, so wie es mir gefällt! Wo ist dein Problem?«, gab Adam trotzig zurück.
»Sie gehören nicht zu uns!«
»Verdammt! Haltet gefälligst eure Klappe! Ihr redet nur, wenn wir es euch erlauben. Also … wer seid ihr und was tut ihr hier?«, brüllte Lio beide an. Ich erkannte, dass sein Nervenkostüm zum Zerreißen gespannt war. Meines nicht weniger.
»Was ist bei euch los?«, erklang im gleichen Moment Nashs Stimme aus dem Kopfhörer. Seine Frage verriet mir, dass er die Unterredung mitverfolgt hatte.
»Wir haben Gefangene«, erwiderte ich, während ich die Gruppe nicht aus den Augen ließ.
»Gefangene? Ich dachte, ihr wolltet einen Surge ausschalten und mitnehmen.« Nash war verwirrt, was ich durchaus nachvollziehen konnte.
Ich versuchte, meine eigene Unruhe zu zügeln. »Lange Rede, kurzer Sinn. Sechs Biester sind erledigt, aber sie waren nicht alleine. Vor uns stehen zehn Menschen aus der Stadt.«
»Menschen im Wald? Begleitet von Surges?«, wiederholte Nash ungläubig.
»Was sollen wir tun?«, erkundigte sich Lio bei seinem Bruder.
»Nehmt sie mit, aber vergesst den verdammten Roboter nicht! Jetzt beeilt euch, ich kann nicht ewig auf eure Ärsche warten. Die anderen sind schon auf dem Rückweg.«
»Ja, Sir«, antwortete ich an Lios Stelle und ging auf Adam zu. Er starrte zwischen dem Mann namens George und mir hin und her. Ihre Blicke erweckten den Eindruck, als würden sie eine lautlose Diskussion führen, wobei Adam nur widerwillig zu gehorchen schien. Verärgert darüber, dass ich nicht wusste, wer sie waren und Nash einen strikten Befehl erteilt hatte, schob ich den Alten mit dem Gewehrlauf zur Seite und wandte mich direkt an den Jungen.
»Wo sitzt der Peilsender?«, erkundigte ich mich. Dass diese Biester überhaupt einen besaßen, war mir neu.
Adam trat entschlossen an den ersten Roboter heran, wobei er Georges Zähneknirschen ignorierte, und kniete sich hin. »Hier. Direkt im Nacken.«
Ich ging neben ihm in die Hocke und beobachtete sein Tun aufmerksam. Er drehte den Kopf des Supervisors zur Seite und präsentierte mir eine unscheinbare Erhebung an einer Schnittstelle unterhalb des künstlichen Schädels. Mit einem Fingerdruck öffnete er ein kleines Fach, in dem sich der Sender verbarg, von dem er gesprochen hatte. Er war flach, rund und hatte einen Durchmesser von nicht einmal zwei Zentimetern. Ein kleines grünes Lämpchen blickte auf und wechselte plötzlich zur Farbe Gelb.
»Die Verbindung zum Satelliten ist jetzt unterbrochen«, erklärte er knapp.
Meine Augen ruhten auf Adams ungewaschenem Gesicht. Ich konnte nur erahnen, dass sich darunter ein hübsches Äußeres befand. »Warum hilfst du uns? Es käme euch doch gelegen, wenn wir mit den Dingern in die Luft fliegen.«
»Lass es mich so ausdrücken, wir sind nicht freiwillig im Wald unterwegs.«
»Soll bedeuten?« Skeptisch hob ich eine Augenbraue.
»Es reicht Adam!«, mischte sich George ein weiteres Mal ein.
Abrupt sprang ich auf und visierte die Brust des älteren Mannes an. Zeitgleich bedeutete ich Adam mit dem Kinn, er sollte sich von dem Surge entfernen, was er ohne Widerworte befolgte.
Diese erneute Einmischung strapazierte Lios Geduld gehörig. Er stand kurz davor einen Schuss abzugeben. »Mir ist es scheißegal, ob ihr beiden euch am liebsten zerfetzen wollt oder nicht. Wer seid ihr und was war euer Ziel? Raus mit der Sprache! Wirdʼs bald!«
»Redet besser! Ansonsten garantiere ich für nichts«, unterstrich ich seine Aufforderung ebenso gereizt. Die Zeit lief uns davon.
»Wir sind Gefangene«, kam es von einer der Frauen aus der hinteren Reihe.
»Die Supervisors hatten den Auftrag, uns nach Withergate zu bringen«, ergänzte Adam. Er starrte George trotzig an, als erwartete er erneut Widerworte. Dieses Mal schwieg der Alte jedoch. Nur die zugekniffenen Augen verrieten, dass er keinesfalls glücklich über die Redseligkeit des jungen Mannes war.
»Was ist Withergate?« Von diesem Ort hatte ich bis heute nichts gehört.
»Ein Gefangenenlager«, antwortete Adam, der sich dabei fahrig durch die verdreckten schulterlangen Haare fuhr.
Eilig tauschte ich mit Lio einen fragenden Blick aus, doch er zuckte nur mit den Schultern. Ich wandte mich wieder an die Gruppe. »Okay. Da die in der Stadt schon bald merken werden, dass die Surges nicht mehr senden, klären wir das später. Wir brechen auf und ihr kommt mit! Du auch, Opa!«
»Das werdet ihr bereuen und dann wird …« George brach mitten im Satz ab, als Lios Waffenlauf auf seine Stirn traf. Er knickte ein und landete unsanft auf dem Boden.
Die unerwartete Situation steigerte meine ohnehin wachsende Nervosität, denn die Uhr tickte unaufhörlich weiter. Ich überließ Lio die Überwachung der Menschen. Mein Augenmerk galt Adam.
»Weißt du, wie man die Sprengfalle entschärft?«
Er nickte.
»Dann los.«
Er kam dem Befehl sofort nach und ich sah ihm dabei genau über die Schulter. Vorsichtig entnahm er den Sender. Er drehte ihn zwischen zwei Fingern hin und her und nestelte an einem kaum sichtbaren Mechanismus herum.
»Bei dem Alten habe ich ein ganz mieses Gefühl«, flüsterte mir Lio ins Ohr.
»Ich auch. Vielleicht lassen wir ihn besser zurück«, gab ich leise zu bedenken.
»Verdammte Scheiße … wir haben ein Problem!« Ehe Adam die Worte ausgesprochen hatte, bemerkte ich bereits, dass das gelbe Lämpchen zu Rot gewechselt hatte. Es begann langsam zu pulsieren.
»Was ist los?« Mein Herzschlag beschleunigte sich.
»Die Falle ist scharf! Das hätte nicht passieren dürfen. Wir müssen verschwinden. Jetzt!« Adam blickte mir direkt in die Augen und wirkte dabei ehrlich überrascht. Er hielt den Sender mit aufgerissenen Augen in seiner hohlen Handfläche. Ich schätzte, er hatte nicht mit dieser Wendung gerechnet.
»Was?« Erschrocken starrte ich ihn an.
»Das war doch Absicht!«, brüllte Lio und stieß ihn grob zur Seite. Dabei fiel die Sprengfalle ins Laub. Das Pulsieren wurde schneller.
»Weg hier!« Lio und ich rannten los. Zu unserem Glück befand sich nur wenige Meter hinter uns eine Vertiefung im Waldboden. Das war unsere einzige Möglichkeit, in Deckung zu gehen. Wir hechteten in Sicherheit. Was die Gefangenen taten, interessierte mich nicht. Sie waren für sich selbst verantwortlich.
Ein ohrenbetäubender Knall, gefolgt von einer markerschütternden Woge unbeschreiblich heißer Luft raste an uns vorbei. Begleitet von herumwirbelnden menschlichen Körpern und mechanischen Teilen, die unsanft neben uns einschlugen. Zeitgleich fingen die Bäume um uns herum Feuer. Ein gellender Schrei drang an mein Ohr, der mir eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Ich benötigte einen Moment, um mich zu sammeln. In meinen Ohren klingelte es lautstark und das Geräusch nahm nur langsam ab. Für wenige Sekunden war die Welt um mich herum verschwommen, bis ich bemerkte, dass ich rücklings auf einer Baumwurzel lag.
»Scheiße!«, nuschelte ich. Schwerfällig setzte ich mich auf und suchte die Gegend nach Lio ab. Er lag nur wenige Meter von mir entfernt auf dem Boden und richtete sich irritiert auf. Ich holte tief Luft und stellte erleichtert fest, dass wir beide unverletzt waren.
Lio streckte mir seine Hand entgegen. »Das war extrem knapp. Seit wann explodieren denn diese beschissenen Dinger überhaupt?«
Mit seiner Hilfe erhob ich mich und klopfte mir Blätter, kleine Holzstücke und Moos von der Uniform. Mein Rücken schmerzte, doch das ignorierte ich. Anschließend nahm ich meine Waffe und sondierte die Umgebung mit entsichertem Abzug.
»Um den Alten brauchen wir uns keine Sorgen mehr zu machen.« Komischerweise fühlte ich mich beim Anblick seiner Leichenteile etwas beruhigter.
»Die Surges sind nur noch ein Haufen Schrott. Das war’s mit Extrarationen.«
Lio und ich gingen auf die zersprengten Einzelteile der Supervisors zu. Blutige und fast schon zur Unkenntlichkeit zerfetzte menschliche Körperteile lagen überall zwischen uns zerstreut.
»Das war haarscharf.« Die Worte kamen von Adam. Er hatte die Detonation ebenfalls unversehrt überlebt und spähte leicht lädiert aus der Entfernung hinter dem dicken Stamm einer angekokelten alten Eiche hervor. Bei seinem Anblick fühlte ich merkwürdigerweise so etwas wie Erleichterung, obwohl ich eigentlich keinen Grund dafür hatte. Lio raste wie ein Blitz auf ihn zu und zerrte ihn aus der Deckung.
»Gib’s zu, du wolltest, dass wir wie dein Kumpel dort drüben enden!«, giftete er ihn an und verpasste ihm einen ordentlichen Kinnhaken.
Adams Kopf ruckte zur Seite, aber er hielt sich auf den Beinen.
»Du bist ein Idiot! Ich wäre fast selbst draufgegangen!«, brüllte er zurück und rieb sich die getroffene Kinnpartie.
»Nenn mich noch einmal einen Idioten und du spürst eine Portion Blei in deinen Eingeweiden.« Mein bester Freund hob das Knie an und rammte es Adam in die Magengrube. Nun ging er doch zu Boden.
Aus einem unerfindlichen Grund gefiel mir das ganz und gar nicht.
»Lass ihn in Ruhe!«, sagte ich forsch und stellte mich dazwischen.
Lio durchbohrte mich mit einem ungläubigen Blick. »Spinnst du? Der Typ wollte, dass wir mit dem Surge in Einzelteile zerlegt werden.«
»Überleg doch mal!«, versuchte ich ihn zu besänftigen. »Er hat uns vor dem Peilsender und der Sprengfalle gewarnt. Wenn es seine Absicht gewesen wäre, hätte er nur schweigen müssen, oder?«
Lio knirschte mit den Zähnen. Dass er sauer auf mich war, musste er mir nicht sagen, ich wusste es.
»Hör auf deinen Kumpel. Der scheint schlauer zu sein, als du«, mischte sich Adam ein. Er saß am Boden und rieb sich die linke Schläfe.
Diese Worte brachten das Fass zum Überlaufen. Lio warf die Waffe ins Laub und stürzte sich auf Adam. Wie von Sinnen schlug er auf ihn ein und ich hatte Mühe, die beiden zu trennen. Gerade rechtzeitig konnte ich der Faust meines Freundes ausweichen, ehe sie mir die Nase gebrochen hätte. »Jetzt benimmst du dich wirklich wie ein Idiot«, stellte ich nüchtern fest.
Wütend ließ er von mir ab, wandte sich um und hob das Maschinengewehr auf. Im Anschluss marschierte er wortlos in die Richtung davon, aus der wir gekommen waren. Nach nur wenigen Metern blieb er jedoch stehen und sah über die Schulter zu mir zurück. »Kommst du endlich? Ich habe keinen Bock hier zu versauern.«
Ich grinste und peilte kurz die Lage. Außer Adam hatten vier weitere Gefangene überlebt. Sie schleppten sich mit einigen Blessuren auf mich zu. Obwohl die Supervisors nur noch Altmetall waren, kehrten wir zumindest nicht mit leeren Händen zurück. Als kleine Versöhnung reichte ich Adam die Hand, um ihm beim Aufstehen zu helfen. Er lehnte mit zusammengekniffen Augen ab und rappelte sich hoch.
»Los! Bewegt euch!«, blaffte ich die Gruppe schlecht gelaunt an und bildete mit entsicherter Waffe die Nachhut. Die Surges hatten wir zwar verloren, aber dafür fünf menschliche Informationsquellen gefunden.

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© Madison Clark